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Der Blaue Reiter in Murnau

Zwischen Starnberger See und den Alpen, vor imposanter Gebirgskulisse, erstreckt sich ein Stück Oberbayern, das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem der Zentren des künstlerischen Aufbruchs in Deutschland wurde. Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner besuchten die Region und ließen sich von der Natur und ihren kraftvollen Farben inspirieren, ebenso die Künstler des „Blauen Reiters“ wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc, Alexej von Jawlensky oder Heinrich Campendonk.

1909 kaufte Gabriele Münter in Murnau am Staffelsee ein Landhaus. Sie bewohnte es bis 1914 mit ihrem damaligen Lebenspartner Wassily Kandinsky. Auf dem Sommersitz mit seinem herrlichen Garten waren viele Künstler zu Gast, das Haus entwickelte sich zum Ort der kreativen Begegnung unter Gleichgesinnten und Inspirationszentrum des deutschen Expressionismus. Hier in der Region liegt auch die Wiege des „Blauen Reiters“, dessen maßgebliche Protagonisten Marc und Kandinsky waren. Konzept und Inhalte des gleichnamigen Manifests, eine der bedeutendsten Schriften zur Kunst der Moderne, entstanden unter anderem im Münter-Haus. An der Holztreppe ins Obergeschoss ist das Thema auch heute präsent: Kandinsky bemalte sie mit wunderbaren Reiter-Motiven. Münter vermachte große Teile ihrer Sammlung später dem Münchner Lenbachhaus, das damit zu einem zentralen Ort der Klassischen Moderne und einem Museum von Weltrang avancierte. Münter lebte bis zu ihrem Lebensende 1962 in Murnau.

  

Spuren des Expressionismus finden sich überall in der voralpinen Seenlandschaft rund um Murnau. Neben dem Besuch des Münter-Hauses lohnt auch ein Abstecher ins örtliche Schlossmuseum mit vielen Werken Münters, unter denen mich vor allem die feinen Grafiken und mit dem Stift hingeworfenen Portraits der frühen Jahre beeindrucken. Nicht verpassen sollte man das Franz Marc Museum in Kochel am gleichnamigen See. Es liegt keine zehn Kilometer von Murnau entfernt und bietet hochkarätiges Kunsterleben rund um Marc und seine Zeitgenossen. Man entdeckt Werke der „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller oder Emil Nolde, aber auch von Paul Klee, August Macke, George Grosz, Alexej von Jawlensky oder Lyonel Feininger. All das in einem modern-puristischen Ausstellungsgebäude, das durch weite, bodentiefe Fenster auch die umgebende Natur ins Haus holt. Deshalb und natürlich wegen der exquisiten Exponate lohnt die Anreise auf jeden Fall und ist für Kunstbegeisterte ein Muss.

Die Pioniere der Moderne sind auch zu entdecken im neuen Museum Penzberg, das sich – unter anderem mit modernsten digitalen Ausstellungstechniken – ganz Heinrich Campendonk widmet mit einem Schwerpunkt auf seiner Hinterglasmalerei. Einen Besuch wert ist ebenfalls das Buchheim Museum der Phantasie ein paar Kilometer weiter in Bernried am Ufer des Starnberger Sees. Zum Zeitpunkt meines Besuchs zeigte man hier neben der expressionistisch geprägten Sammlung Buchheims auch die Ausstellung „Emil Nolde. Die Grotesken“. Deftige Farben, skurrile Physiognomien, unwirklich knallig Koloriertes, merkwürdig Verfremdetes – die Farb- und Formenwelt des Emil Nolde steht unverkennbar in der Tradition der Künstlerkollegen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und bot daher eine gute Ergänzung zu Buchheims Sammlung und zu den vielen anderen eindrucksvollen Werken dieser Epoche, die rund um Murnau zu sehen sind.

So kommen Sie hin: Kochel am See ist per Bahn ab München Hauptbahnhof in rund einer Stunde zu erreichen. Der nächste Flughafen ist München. Als Ausgangpunkt für meine Entdeckungstouren wählte ich das Seehotel Grauer Bär, direkt am Kochelsee gelegen und mit einladendem Biergarten. Das Frank Marc Museum liegt von dort nur einen fünfzehnminütigen Spaziergang entfernt. Mit der Museenkarte Expressionismus gehen Sie auf Tour: Im ersten Museum zahlen Sie regulär und besuchen die drei weiteren Museen mit Ermäßigung.

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